Bizarre, lustige, traurige Coming-of-Age-Melancholie an der Athener Riviera: Die junge Alkistis befindet sich in einem einschneidenden Strudel der Veränderungen. Orfeas Peretzis‘ Langfilm-Debüt stapelt tief und holt doch zum großen Schlag aus.
Eine Rezension von Lennard Olaf Göttner
Stell dir vor, du bist ein Kind. Ich weiß, das ist schwer. Aber versuch es doch einmal. Seitdem du denken kannst, das heißt, schon immer, verbringst du den Sommer im Wochenendhaus deiner Eltern am Stadtrand von Athen. Du machst dir sicherlich ein Bild davon: Schwelende Hitze, Pinien- und Olivenbäume so weit dein Auge reicht, zirpende Zikaden tagein, tagaus. Vielleicht spielst du tagsüber mit anderen Kindern auf den Straßen oder am Strand. Irgendwann kommst du erschöpft zurück zum Haus, es ist schon dunkel und du isst mit deinen Eltern zu Abend. Dann fällst du seelenruhig ins Bett.
Im Garten dieses Hauses steht eine Palme – sie ist nicht viel größer als du, man könnte von einem zarten Pflänzchen sprechen. Wahrscheinlich weißt du es in deinem Kindsein noch nicht, aber dieses feinblättrige Stück Grün wird dir später einmal die Welt bedeuten.

Regisseur und Drehbuchautor Orfeas Peretzis erhebt die Palme in seinem Langfilm-Debüt Riviera (2024) zum Sinnbild der Geschichte. Diese erzählt von der 17-jährigen Alkistis (Eva Samioti), die einen letzten Sommer im besagten elterlichen Ferienhaus verbringt. Der letzte, denn: das Haus muss zwangsverkauft werden. Ihr Vater ist bei einem Unfall ums Leben gekommen, seither steckt ihre Mutter in einer Identitätskrise und hat nicht viel Aufmerksamkeit für ihre Tochter übrig. Finanziell sieht es schlecht aus. Außerdem machen sich ein übler, feuchter Schimmel im Haus und die Bagger und Kräne der Investoren und Immobilienmogule in der Vorstadtsiedlung breit. Dann sind da noch Alkistis’ beste Freundin, die sich plötzlich mehr für Partys und das Unruhestiften als für sie interessiert, und ein zehn Jahre älterer Mann, der so etwas wie ein Vater- und Freund-Ersatz in einem zu sein scheint.
Und einfach so haben wir uns niedergelassen. Wir versteckten uns hinter komplexen Wörtern. Hinter Zahlen und Erinnerungen. Wir ließen die Zeit verstreichen. Wir suchten sinnliche Vergnügen. Und einfach so haben wir aufgehört zu fragen. Wir schauen einfach zu. Mit einem gleichgültigen Auge. Die Augen still, die Lippen zurückgezogen, um ein strahlendes Lächeln zu zeigen.
Während sich um sie herum alles verändert, klammert sich Alkistis buchstäblich an Palme ‚Jerry‘. Sie spricht mit ihr und meint sogar, Erwiderungen des Gewächses wahrnehmen zu können. Doch der Pflanze entschwindet allmählich das Leben, sie hat braune Blätter und sieht geknickt aus. Das Bild entspricht der allgemeinen Befindlichkeit von Alkistis, die dem unausweichlichen Erwachsenwerden ins Auge blickt und sich immer fremder in ihrer eigentlich vertrauten und geliebten Umgebung vorkommt. Was ist das nur für ein Gefühl?

Wie die verwelkenden Palmenblätter in der Stadtrandsiedlung ächzend die Sonnenstrahlen des Athener Sommers absorbieren, fördert Peretzis behutsam, aber umfassend die psychische Tiefe seiner Protagonistin zutage. So entsteht eine bizarre, lustige, traurige und im Kern sehr aufrichtige Coming-of-Age-Melancholie. Alkistis wankt zwischen Apathie, der Suche nach Bedürfnissen und Zuneigung sowie der Wut über die kampflose Hinnahme von Zuständen. Ist es denn so schwer, eine Palme am Leben zu halten? Schließlich steht sie doch schon immer hier in diesem Garten, in diesem Haus, in dieser Wirklichkeit.
Es ist dem Film anzumerken, dass die Inszenierung etlicher Motive besonders subtil vonstattengehen soll. Mitunter kommt es einem so vor, als hätte Peretzis regelrecht Angst davor, dass sein Skript zu wörtlich sei. Die beiläufige Lässigkeit der Inszenierung sowie die erzählerische Impulsivität einerseits, die poetischen Dialoge des Drehbuchs und die Myriade an (Über-)Symbolik andererseits lassen reizvolle Perspektiven in Riviera bisweilen fragmentarisch zurück. Nichtsdestotrotz ist Peretzis ein sehenswerter Debütfilm gelungen, der vor allem dann glänzt, wenn das Schon-Immer zur Debatte gestellt wird.





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