Ein entlaufenes Kamel, das von der Sonne gebleichte Grün eines Tenniscourts und die windige Hitze über Fuerteventuras Steppen. Was nach Postkarten und All-inclusive-Hotel klingt, ist Jan-Ole Gersters neuer Film Islands, der einem trotz hochsommerlichem Ambiente eiskalt den Rücken runterläuft.

 Eine Rezension von Annika Gebhard

Die Urlaubssaison scheint ewig zu gehen für Tom (Sam Riley), Tenniscoach im Resorthotel „Tres Islas“ an der Küste Fuerteventuras. Jeder seiner Tage gleicht dem nächsten: Aufschläge und auswendig gelernte Floskeln sportlicher Bestätigung an Touristen aus Europa verteilen, danach das obligatorische Bier und sich sagen lassen, wie gut er es doch habe, dort zu arbeiten, wo andere Urlaub machen. Wie lange Tom schon auf der Insel ist, scheint er nicht mehr genau zu wissen, jedenfalls lange genug, dass sich Legenden um ihn ranken, wie die, dass er einst Tennisstar Rafael Nadal, der zufällig im Hotel zu Gast war, in einem Match besiegt habe. Regisseur Jan-Ole Gerster beweist mal wieder seine Vorliebe für melancholische Männer, deren schmerzlicher Blick zwar kaum faktische Informationen über die Figur preisgibt, aber dennoch eine große Vertrautheit herzustellen vermag. Wie ein Running Gag wiederholt sich eine bestimmte Szene: Tom, offensichtlich ein passionierter Bauchschläfer, wacht chronisch zu spät und verwirrt an den unterschiedlichsten Orten auf. Auf dem Tennisrasen, im Auto am Straßenrand, in verschiedenen Betten und schließlich im heißen Sand in der Wüste. Das Gesicht zerknautscht, die Alkoholfahne vom Vorabend lässt sich problemlos dazudenken. Eine Figur, die es offensichtlich schon lange aufgegeben hat, nach etwas zu streben, ein Ziel zu verfolgen. Stattdessen schwappt die Zeit über ihn hinweg wie die Brandung des azurblauen Atlantiks.

Sam Riley in Islands © Juan Sarmiento G., augenschein Filmproduktion, LEONINE Studios 2025

Bis diese britische Familie auftaucht. Anne (Stacy Martin) und Dave (Jack Farthing) geben auf den ersten Blick das perfekte Paar ab: jung und smart, Eltern, die nur das Beste wollen für ihren äußerst aufgeweckten 7-jährigen Sohn Anton (Dylan Torrell). Doch es dauert nur eine Stunde Tennisunterricht für Anton, bis klar wird, dass dieser Familienurlaub alles andere als idyllisch ist. Die Ehe wird geplagt vom mäandernden Abrieb des Alltags und dem Fernweh nach dem freiheitlichen Partyleben, das insbesondere Anne vor der Geburt ihres Sohnes auf Inseln wie dieser verbracht hat. So braucht es nur einen Funken und die Luft zwischen Anne und Dave steht in Flammen. Tom nimmt sich dieser seltsamen Familie an, getrieben von den merkwürdig langen Blicken Annes. Was auch immer sich zu entwickeln scheint, wird jäh unterbrochen, als Dave nach einer Partynacht mit Tom nicht nach Hause kommt. Der Dunst über den gewaltigen Wellen verwandelt sich zu einem Nebel von Fragen, der über der verhängnisvollen Nacht wabert. Was ist passiert, nachdem Tom nach Hause gegangen ist und Dave mit seinem beachtlichen Alkoholpegel zurückgelassen hat? Was haben die SurferInnen von dem Hippie-Camp damit zu tun? Und vor allem, warum bleibt Anne so erstaunlich kühl?

Während die zunächst sehr träge spanische Polizei in Alarmbereitschaft gerät, um den verschwundenen Dave zu finden, fühlt sich der Kinosessel mehr und mehr wie das heimische Sofa an einem Tatort-Sonntag an, wenn die Storyline sich zuspitzt und man anfängt mitzurätseln, wer denn nun der Mörder sei. Doch Islands flirtet nur mit den Erwartungen an den klassischen Krimifilm und überrascht stattdessen mit einer narrativen Wendung, die den Fokus weg von Spurensuche und Leichenteilen hin zum eigentlichen Subjekt des Films lenkt: Tom und die Wiederfindung eines Lebenswillens, der dem zeitlosen Dahintreiben auf der spanischen Insel zwischen Urlaubsparadies und drohendem Vulkanausbruch ein Ende setzt.

Jack Farthing, Stacy Martin, und Sam Riley in Islands © Juan Sarmiento G., augenschein Filmproduktion, LEONINE Studios 2025

Jan-Ole Gerster lässt sich Zeit für seine Filme. Islands ist nach Oh Boy (2012) und Lara (2019) der dritte Film des deutschen Regisseurs, der hier das erste Mal mit einem internationalen Cast gearbeitet hat. Das Ergebnis lässt sich dementsprechend sehen: ein ausgefeiltes Drehbuch, das sich einer eindeutigen Genrezuschreibung entzieht, an magischen Realismus grenzende Bilder von Kameramann Juan Sarmiento G. und eine spannungsvolle Filmmusik von Komponistin Dascha Dauenhauer, die jüngst eine goldene Lola für ihre Arbeit an Islands erhielt. Dennoch könnte Gersters dritter Langfilm unter dem Radar bleiben, vielleicht weil die „Vacance Noir“-Thematik, wie er es selbst nennt, auf den ersten Blick eher unscheinbar wirkt. Doch wer einen zweiten wagt, wird belohnt mit einem vielschichtigen Film, der mehr Fragen stellt, als er Antworten gibt.


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