Eine Frau erobert die Macht. Gewalt gibt es, Blut. Natürlich. Es wird verraten, gekämpft, getötet, aber wie wird es gesprochen? Die Machtergreifung erfolgt durch die Sprache.

Eine Rezension von Emma Gresinski

Der neue Film von Burhan Qurbani ist, so könnte dieser Beitrag anfangen, eine Adaption von Shakespeares Richard III im gegenwärtigen Berlin – und der König ist eine Frau. Zwar nähert sich Qurbani wieder einem literarischen Text, aber es scheint nicht, dass der Film etwas zur Berliner Realität sagen will: Berlin ist weder als Raum noch als Kulisse zu sehen. Rezensiert wird Kein Tier. So Wild. auch als ein Film über starke Frauen. Was heißt das? Dass weibliche Figuren Hauptrollen haben, miteinander interagieren, ohne dabei zwanghaft über männliche Figuren zu sprechen? „Weibliche Macht“, damit ist nichts gesagt.

Ja, es ist ein Film über Macht und um diese Macht kämpft eine Frau. Das ist die Ausgangslage. Aber wie handelt sie, wie kommt sie zur Herrschaft, wie strukturiert sie ihre Macht? Diese Fragen zu stellen heißt, sich mit der Sprache auseinanderzusetzen. Denn Sprache ist die Triebkraft des Films, der auf dieser Ebene sehr elaboriert ist – das Drehbuch wurde nach literarischer Vorlage in Zusammenarbeit mit der Schriftstellerin Enis Maci geschrieben. Wie drückt sich hier weibliche Macht aus?

Kenda Hmeidan in Kein Tier. So Wild. © Sommerhaus-Port au Prince Pictures-Goodfellas 2025

Rashida (Kenda Hmeidan) ist eine York, sie ist die Letztgeborene und soll heiraten. Mit anderen Worten: Sie gilt als machtunfähig. Die ganze Handlung baut sich um ihre Machteroberung auf. Zwischentitel: Am Anfang vor dem Anfang steht Rashida in der Wüste, Krone in der Hand, gleich wird das Dorf in die Luft gesprengt. Ein dunkler Raum materialisiert sich, Szenenwechsel. Freiheit. Rashida steht und verteidigt ihren Bruder Ghazi (Camill Jammal): Es gibt links – die Yorks – und rechts – die Lancasters. So fängt sie an zu reden, im Gerichtshof, wo alle Schlachten sprachlich ausgefochten werden. Unterbrochen wird sie nur kurz, als ihr Bruder Imad (Mehdi Nebbou) das Wort ergreift, um sich zwischen beiden Familien als herrschender Vertreter des Friedens durchzusetzen – wobei klar wird, dass Imad nur wiederholt, was seine Frau Elisabet (Verena Altenberger) entschieden und ausgesprochen hat. Imads Sprache dient nur der Öffentlichkeit, sie hat keine selbstbestimmende Macht.

Rashida entzieht sich dieser Öffentlichkeit, sie führt gegen Imads Regel ein privates Gespräch mit Ghazi und zieht sich ins Badezimmer zurück. Gerade solche Orte rahmen den Film: die geheimen Hinterkammern, die Frauenzellen, die leeren Wüsten. In einer statischen Aufnahme erzählt Rashida von ihrem Schicksal; nichts bewegt sich, aber die Handlung entfaltet sich.

Was im Film stattfindet, wird immer sprachlich vermittelt. Rashidas Stimme und Atmung, Kenda Hmeidans artikulierte Aussprache bilden eine Art klangliche Unterschicht, die sich mit dem Ton vermischt. Die Musik des Filmes, von Dascha Dauenhauer komponiert, organisiert sich organisch um das Gesagte herum. In diesem Sinne zeigt der Film weniger, als er ausdrückt. Somit nähert er sich auch der Theaterkunst, was durch das immobile Szenenbild (fast keine Außenaufnahmen, wenige reale Drehorte) und die Kameraarbeit von Yoshi Heimrat gelingt.

Rashida gewinnt Macht durch Morde, aber sie tötet niemals selbst – sie befiehlt den Tod. Sprache ist das Instrument ihrer Machtergreifung. Zuerst fordert sie den Tod von Uthman und Umar Lancaster: Während ihrer Verteidigung, kündigt sie programmatisch an, dass Köpfe rollen müssen, kurz danach werden in der Vorhalle die tatsächlichen Oberhäupter der Lancasters ermordet. Später befiehlt sie ihrer Vertrauten Mishal (Hiam Abbass), einen anderen Lancaster umzubringen. Doch das Morden wird bald auch in ihrem eigenen Kreise notwendig – wieder auf Rashidas Befehl werden ihr Bruder Ghazi und ihre langjährige Helferin Mishal hingerichtet. Der modus operandi wiederholt sich: Im Auto (zuerst fahrendes Auto, dann braunes Wrack) sitzt Rashida am Telefon. Am anderen Ende des Telefons, die Mörderin, während sie den Auftrag erledigt. Rashida ist also durch das Telefon anwesend, aber nur, als Zuhörerin: Der Mord wird sprachlich ausgeführt.

Kenda Hmeidan und Hiam Abbass in Kein Tier. So Wild. © Lukasz Bak / Port au Prince Pictures-Goodfellas-Sommerhaus Filmproduktion 2025

Eine weitere Ermordungsszene lässt den Mörder Ismail (Deniz Arora) zu Wort kommen. Er erzählt Rashida, wie er seinen Job gemacht hat: Zuerst den ältesten Thronfolger quälen und zugucken lassen, während dem jüngsten das Bein gebrochen und der Kopf zerschmettert wird. Erst durch seinen Bericht bekommt die Zuschauerin Zugang zur visuellen Szene; die Tat als solche entsteht aus der sprachlichen Vermittlung. 


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