Jane Schoenbruns Debütfilm We’re All Going to the World’s Fair (2021) bewegt sich an der Schnittstelle zwischen Horrorfilm und Coming-of-Age-Erzählung. Doch statt den Prozess des Erwachsenwerdens als Weg zu Reife, Autonomie oder sozialer Integration darzustellen, entwirft der Film ein Gegenmodell: ein Erwachsenwerden, das sich als langsames Verschwinden vollzieht und stets an der Grenze zum Wahnsinn bewegt.

Ein Essay von Hannah Büttgen

»Hey guys, Casey here. Welcome to my channel. Today I’m going to be taking the World’s Fair Challenge.« So beginnt der Debütfilm von Jane Schoenbrun. Die Teenagerin Casey (Anna Cobb) lebt in einer Welt, die fast ausschließlich im Digitalen stattfindet. Aus Faszination für Horror und okkulte Internetphänomene nimmt sie an der sogenannten World’s Fair Challenge teil – einer Online-Challenge, die angeblich körperliche und psychische Veränderungen auslöst, wie Wahnvorstellungen und Hautveränderungen. Als Teilnahmebedingung muss Casey sich anschließend mit einer Nadel in den Finger stechen, den Bildschirm mit etwas Blut beschmieren und ein Video schauen, dessen Inhalt dem Publikum verborgen bleibt. Danach passiert – zunächst – nichts. Casey beginnt dennoch, ihre vermeintlichen Symptome zu dokumentieren und auf einer Online-Plattform hochzuladen. Auf dieser Plattform gibt es eine Community zur Challenge, deren Videos Casey schaut, wenn sie nicht gerade selbst filmt.

Was außerhalb dieses digitalen Raums geschieht, ob sie etwa zur Schule geht, Freund:innen hat oder wie ihr familiäres Umfeld aussieht, bleibt weitgehend im Dunkeln. Ihr Vater existiert nur als wütende Stimme aus dem Off, ihre soziale Welt scheint leer. Erst als der erwachsene Nutzer JLB (Michael Rogers) sie kontaktiert, entsteht zwischenmenschlicher Austausch. Er habe etwas Besonderes in ihren Videos gesehen und fordert sie auf, ihre Veränderungen weiterhin zu dokumentieren. Das Skype-Gespräch der beiden macht deutlich, wie tiefgreifend ihre Einsamkeit ist, denn sie gestehen sich, es nicht gewohnt zu sein, mit anderen Menschen zu sprechen. JLB bleibt dabei eine zwiespältige Figur zwischen besorgtem Beobachter und potenziellem Voyeur.

Während Caseys Videos zunehmend verstörender werden – sie schreit, tanzt unkontrolliert, spricht von ihrem Verschwinden, filmt eine wahnhafte Schultour, die über einen Friedhof führt, und krabbelt apathisch durch ihr Zimmer –, bleibt unklar, was real und was gespielt ist. Als sie schließlich anfängt, Mordgedanken für ihren Vater zu entwickeln und von Selbstmord zu fantasieren, meldet sich JLB erneut. Doch auch dieses Gespräch bringt keine Klarheit: Die Challenge entpuppt sich als Scam, Caseys Verhalten als möglicherweise inszeniert. Deutlich wird nur, dass ihr Wunsch zu verschwinden bestehen bleibt.

Anna Cobb in We’re All Going to the World’s Fair © Daniel Patrick Carbone / Dweck Productions 2021

Die Teilnahme an der World’s Fair Challenge markiert weniger den Beginn eines klassischen Horrorszenarios als vielmehr den Versuch, Bedeutung in einem ansonsten ereignislosen Alltag zu erzeugen. Das Ritual des Fingerstechens, das Blut auf dem Bildschirm, das mysteriöse Video, sowie Caseys körperliche Symptome, all das bleibt visuell unspektakulär und narrativ folgenlos. Der eigentliche Horror entfaltet sich nicht im Übernatürlichen, sondern in der Leere danach. Caseys Alltag bleibt strukturlos und sozial entleert. Die Abwesenheit sozialer Realität bildet den Resonanzraum für ihre digitale Selbstinszenierung. Schoenbruns Debütfilm bewegt sich damit an der Schnittstelle zwischen Horrorfilm und Coming-of-Age-Erzählung, ohne sich klar einem der beiden Genres zuordnen zu lassen. Das Heranwachsen zu einer erwachsenen Person wird nicht als Weg zur Reife, Autonomie oder sozialer Integration dargestellt. Stattdessen vollzieht sich dieser Prozess als langsames Verschwinden. Der Horror entsteht nicht durch übernatürliche Bedrohungen, sondern durch Einsamkeit, mediale Überforderung und der Unmöglichkeit, eine stabile Identität auszubilden. Caseys Videos sind keine bloßen Dokumentationen angeblicher Symptome, sie können als performative Akte der Selbstvergewisserung gelesen werden. Indem sie sich beim Schreien, Tanzen oder Schlafwandeln filmt, erzeugt sie Bilder von Veränderung; Veränderung, die in ihrem Leben außerhalb der Online-Community ausbleibt. Ihr Körper wird zum Austragungsort eines inneren Chaos, das unartikulierbar bleibt. Zentral für diese Dynamik ist die Beziehung zu JLB. Dieser fungiert als Spiegel einer möglichen Zukunft Caseys: isoliert, in einem Kinderzimmer lebend, gefangen in digitalen Routinen.

Der Film unterläuft zudem bewusst die Konventionen des Horrorgenres. Weder Casey noch JLB sind verlässliche Erzählerfiguren, und auch die vermeintliche Enthüllung, dass die World’s Fair Challenge ein Scam sei, bringt keine narrative Auflösung. Horror entsteht bei Schoenbrun nicht durch Schockmomente, sondern durch epistemische Instabilität: Man weiß nie, was wahr ist, was gespielt und was psychisch motiviert. Diese Unzuverlässigkeit spiegelt die Unsicherheit jugendlicher Identitätsbildung, das Selbst spielt eine Art Rolle. Besonders deutlich wird dies im Motiv des Verschwindens, auf das Caseys Gedanken immer wieder zurückfallen.Doch tritt dies nie ein, Casey wird vielmehr ausschließlich im Digitalen sichtbar. Ihre Existenz scheint nur dort Bedeutung zu haben, denn das Digitale bleibt der einzige Ort, an dem sie gesehen und kommentiert wird. Die eigentliche Abwesenheit ist eine analoge: Eltern, Schule und soziales Umfeld bleiben unsichtbar. Der Film kritisiert dabei nicht das Internet an sich, sondern zeigt, wie soziale Vernachlässigung digitale Räume erst zu existenziellen Rückzugsorten machen kann.

Diese Perspektive verbindet We’re All Going to the World’s Fair mit Schoenbruns späterem Film I Saw the TV Glow (2024). Auch dort fungieren Medien nicht bloß als Unterhaltung, sondern als Identitätsräume. Die Figuren klammern sich an fiktionale digitale Welten, weil ihnen reale Bezugspunkte fehlen. In beiden Filmen wird das Heranwachsen als queere, prekäre Erfahrung erzählt; als Suche nach einem Selbst, das in normativen Strukturen keinen Platz findet. 

Anna Cobb in We’re All Going to the World’s Fair © Daniel Patrick Carbone / Dweck Productions 2021

Die Bildsprache verstärkt diesen Eindruck. Wiederkehrende Bilder von Körpern in Embryonalstellung, das kalte Licht von Bildschirmen oder die nächtliche Dunkelheit erzeugen eine Atmosphäre emotionaler Erstarrung. Räume wirken nicht bedrohlich, sondern leer. Diese filmische Inszenierung von digitaler Isolation und sozialer Entfremdung entspricht Echos in der realen Lebenswelt vieler Jugendlicher: Studien zeigen, dass Einsamkeit bei Teenagern nicht nur verbreitet ist, sondern auch tiefgreifende psychologische Konsequenzen haben kann. Einsamkeit im Jugendalter geht mit einem erhöhten Risiko für depressive Symptome und einer eingeschränkten mentalen Gesundheit im Erwachsenenalter einher, was die Bedeutung frühzeitiger sozialer Unterstützung und der Erlernung von Medienkompetenzen unterstreicht. In Österreich etwa verzeichnet die Beratungsstelle Rat auf Draht einen dramatischen Anstieg an Gesprächen von Jugendlichen über Einsamkeit, was ein Zeichen für die allgegenwärtige, subjektiv erlebte Isolation junger Menschen ist. We’re All Going to the World’s Fair ist weniger ein fantastischer Horrortrip als eine zutiefst realistische, wenn auch kunstvoll überhöhte Darstellung der sozialen Realität vieler Jugendlicher: das ständige Ringen um Anerkennung und die Entfremdung, die entstehen kann, wenn menschliche Nähe im digitalen Raum kompensiert werden soll. We’re All Going to the World’s Fair erzählt kein Coming-of-Age im klassischen Sinne, sondern die Gefahren sozialer Isolation, bis hin zum gefühlten Verschwinden im Prozess des Erwachsenwerdens.


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