Weihnachten, Heimatstadt, alte Gesichter — ein Nachtstück über das Heimkehren und dennoch Gast bleiben, über die Macht alter Muster und den Wunsch, ihnen zu entkommen.
Eine Rezension von Hannah Büttgen
Der Spielfilm Stars of Little Importance (2025; Minden csillag) des erst 33-jährigen ungarischen Regisseurs Renátó Olasz erzählt die Geschichte eines jungen, vom Regisseur gespielten Mannes, der gemeinsam mit seiner Schwester (Andrea Waskovics) an Heiligabend in seine kleine, ungarische Heimatstadt zurückkehrt. Diese haben beide bereits vor Jahren für die “big city” ausgetauscht — was ihnen von ihren Kindheitsfreund:innen insgeheim übelgenommen wird. Am Abend treffen sie diese dann in der einzigen Bar des Ortes — einem Raum, der fast vollständig zum Schauplatz des Films wird. Zunächst herrscht Vertrautheit: Umarmungen, Anstoßen, gemeinsames Essen. Je höher der Alkoholpegel, desto näher kommen sich die alten Freund:innen — es wird kaum über das gegenwärtige Leben gesprochen, dafür viel über Vergangenes: alte Liebschaften, jugendliche Konflikte, nie ausgesprochene Unsicherheiten. Nähe zwischen den Freund:innen entsteht hier nicht durch Gegenwart, sondern durch geteilte Erinnerungen.
Der Film kulminiert letztlich in einer Reihe von Eskalationen: Die Freundinnen werden von einem betrunkenen Freund auf der Toilette bedrängt und mit ungewollten Liebesgeständnissen belästigt und die Geschwister mit dem Vorwurf konfrontiert, ihre Mutter alleingelassen zu haben. Außerdem lässt die Schwester eine frühere Liebschaft aufflammen, nur um erneut an der Unmöglichkeit einer gemeinsamen Zukunft zu verzweifeln. Zwischen den drei Freundinnen brechen Eifersuchts- und Neidtiraden aus auf die Beliebtheit und Attraktivität der Schwester. Im Laufe des Abends verliert eine:r nach dem anderen die Kontrolle durch exzessiven Alkoholkonsum, muss erbrechen oder fällt in Ohnmacht. Auch der Protagonist flirtet mit einer alten Freundin und fordert sie auf, mit ihm zwischen den Mülltonnen zu schlafen. Dafür wird er jedoch lediglich ausgelacht und mit dem bitteren Urteil konfrontiert, er habe sich bis heute nicht verändert. In genau diesem Vorwurf liegt auch die Pointe des Films: Man verlässt einen Ort, um aus alten Mustern zu entkommen und ein:e andere:r zu werden, verfällt diesen dann aber doch stets.

Die Kunst von Stars of Little Importance liegt jedoch nicht in der Handlung, sondern in der Darstellung komplexer Charaktere, die mit fortschreitendem Rausch immer deutlicher zutage treten. Olasz entwickelt eine Art Charakterstudie, in der unaufgelöste Ängste, Zweifel und Traumata direkt angesprochen werden. Innerhalb eines Abends wandelt sich das vermeintlich Vertraute in etwas Düsteres und Bedrohendes, in ein Drama, das auf Emotionen basiert und Widersprüche untersucht.
Die Atmosphäre des Films bewegt sich irgendwo zwischen nüchternem Realismus und surrealistisch-traumlogischen Momenten, beispielsweise wenn ein weißes Pferd unvermittelt durch die ungarische Arbeiterstadt läuft. Auch die personale Erzählperspektive des Films sticht heraus, wenn der Protagonist wiederkehrende innere Monologe hält und Erinnerungen an Kindheitstage und gleichbleibende Charakterzüge seiner Freund:innen mit dem Publikum teilt.
Dass der Film in jener Kleinstadt gedreht wurde, in der Olasz selbst aufgewachsen ist, verleiht ihm zusätzliche Schärfe. Er zeigt die oft brutale Erfahrung der Rückkehr an einen Ort, den man hinter sich gelassen hat, der einen aber nicht loslässt. Noch schmerzhafter ist die Begegnung mit jenen, die geblieben sind. Die alte Vertrautheit weicht der Erkenntnis, dass alle in unterschiedlichem Tempo reifen. Konflikte entstehen, die sich nicht lösen lassen, ohne unangenehme Wahrheiten über Freundschaften offenzulegen, die den Übergang vom Kind- zum Erwachsenenalter eigentlich nicht überstanden haben.

Formal ist der Film sehr reduziert, er spielt sich in einer einzigen Nacht und abgesehen von wenigen Ausflügen in die umliegenden Straßen an nur einem Ort ab. Und doch transportiert Olasz komplexe Ideen durch Atmosphäre, Blickführung und ein ausgeprägtes Gespür für Details. Das Schwarz-Weiß-Bild fängt jede Falte der Stadt ein, jede Müdigkeit in den Gesichtern, und entwickelt dabei eine unkonventionelle Schönheit. Es scheint, nicht zufällig fungiert Béla Tarr als Executive Producer. Stars of Little Importance liest sich als leise Hommage an dessen Kino: an die langsamen, stillen Dramen, die durch die Banalität des Alltags existenzielle Abgründe freilegen. Auch hier geht es um Hoffnungslosigkeit, Stillstand und um die Erkenntnis, dass Herkunft kein Ort ist, zu dem man einfach zurückkehren kann.
Am Ende zeigt der Film eindrücklich, wie ein scheinbar simples Konzept zu einer intensiven Erfahrung werden kann. Heimkehr erscheint nicht als Versöhnung, sondern als Konfrontation. Als schmerzhafter Blick auf das, was war, was nie mehr sein wird und wer man einmal war.



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