Ein Filmporträt von Sabine Lidl über die Schriftstellerin und Intellektuelle Siri Hustvedt.

Eine Rezension von Hannah Büttgen

Nach der Lektüre einiger Filmkritiken fällt auf: Die brillante Siri Hustvedt wird nach wie vor auf ihre Ehe mit dem ebenfalls brillanten Paul Auster reduziert. Dabei möchte sich der Film doch genau von dieser Assoziation der Schriftstellerin zu ihrem Mann lösen, sie als eigenständige Person mit einer wunderbaren Beziehung und einem großen Verlust porträtieren. Man zweifelt, ob Rezensent:innen die Dokumentation wirklich geschaut haben.

Diese ist der Versuch Sabine Lidls, einen Tanz um die amerikanisch-norwegische Schriftstellerin und ihre Gedanken zu veranstalten. Um die manchmal leise, manchmal auch laute Hustvedt, die mit schallendem Lachen oder klugen Worten Räume füllen kann. Die in Büchern nach Trost sucht, und die als junge Frau nach New York kam, um den Helden ihres ersten Romans zu finden.

Siri Hustvedt in Dance Around the Self © X Verleih AG 2026

Dabei spielt Wut durch Ausgrenzungserfahrungen eine große Rolle in Hustvedts leben. Sie spricht über Sexismus, insbesondere im Kunst- und Literaturbetrieb, darüber, dass Frauen trotz ihres Talents seit jeher weniger Aufmerksamkeit ernteten als Männer, über die Urheberschaft des Ready-Made „Fountain“, die nach wie vor Marcel Duchamp zugeschrieben wird, trotz etlichen Belegen, dass es von Elsa von Freytag-Loringhoven stamme, und über ihren Vater, auf dessen Anerkennung sie vergeblich wartete. Auch spricht sie darüber, wie in ihrer konservativen, ländlichen Heimat Minnesota von Frauen erwartet wird, angepasst und freundlich zu sein. „I have worked for many years to throw that off“, so Hustvedt.

Ihre Ikonen, die immer wieder Einfluss auf ihre Texte hatten, tragen ähnliche Laster. Hustvedt erzählt beispielsweise von Louise Bourgeois, einer französischen Künstlerin, die zeitlebens um die Zuneigung ihres Vaters kämpfte und ihren Leidensweg in ihrer Kunst verarbeitete. Siris Wut trägt ebenfalls Früchte, wenn man sich ihr großes Werk anschaut.

Der Film hangelt sich unchronologisch an einigen ihrer Romane entlang; meist liest sie daraus vor; darauf folgen animierte oder inszenierte Szenen: eine kurzhaarige Frau, die durch Manhattan streift, mal verkleidet in einem Anzug, mal in einer knallroten Hose; oder eine von Hustvedts Jugendzeichnungen, die zum Leben erweckt wird und in den nächtlichen Himmel über New York schwebt.

Den Zuschauenden begleitet Hustvedt durch New York, auf die Verleihung eines Ehrendoktortitels, mit ihren Schwestern aufs Land in Minnesota, in liebevolle Kindheitserinnerungen, und letztlich auch zur Gedenkfeier zu Paul Austers Tod.

Dieser tritt bereits zuvor in der Dokumentation auf, etwa bei Streifzügen durch das Haus in Brooklyn oder bei Schwärmereien über seine „wunderschöne, kluge, kraftvolle“ Ehefrau. Diese Szenen sind kostbar, weil sie das Zusammenleben festhalten, aber auch seine Krankheit und den nahenden Tod. Der Schicksalsschlag dieses Tods zerbricht schließlich Hustvedts Leben und Routinen und damit auch den Fluss des Films. Es ist schön, dass dieser vulnerable Moment nicht ausgenutzt wird, um Siri Hustvedt fassungslos zu zeigen, doch wird spätestens ab diesem Zeitpunkt im Film klar, dass der Tanz der Regisseurin, Sabine Lidl, nicht gelingen wird.

Siri Hustvedt in Dance Around the Self © X Verleih AG 2026

Ob es an der fehlenden Chronologie liegt, die alles ein wenig wirr erscheinen lässt, oder an der überspitzen Inszenierung, die einen gewissen Kitsch mit sich bringt. Es werden etliche interessante Aspekte aus Hustvedts Leben und Schaffen angerissen, doch wirkt am Ende alles sehr geschliffen, glatt, poliert, moralisch, ja fast steif. Es fehlt Scham, Zögerlichkeit, offene Fragen, etwas Echtes, Menschliches.

Überzeugen muss die Dokumentation von Siri Hustvedt und ihrer herausragenden Literatur nicht mehr, der Zuschauende kommt ihr aber auch kein Stück näher. Die Szenen wirken wie Wiederholungen ihrer bereits veröffentlichten Gedanken, Forschungen und Fantasien. Gut nur für die, die nie etwas von ihr gelesen haben – denn Lust auf ihre Romane macht der Film auf alle Fälle.


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